Äpfel, Arbeit und das gute Leben

Kaum einer mag bestreiten, dass wir uns in einer Zeit des Wertewandels befinden. Auch ist dies eine Zeit, in der jahrhundertelang gültige Werte in Frage gestellt werden. Der Wert der Arbeit etwa. Bezeichnend für unsere Einstellung zur Arbeit war bislang die protestantische Arbeitsethik, die Arbeit als Pflicht ansieht, ohne die – so Johann Kaspar Lavater – wir selbst im Himmel nicht gesegnet sein können.

Im Industriezeitalter universell gültig gewesene Werte wie Disziplin und Fleiß verschwinden jedoch nicht, sondern werden den Bedürfnissen angepasst. So wird aus Disziplin etwa Selbstdisziplin, die Voraussetzung ist für die berufliche und private Lebensplanung innerhalb einer flexibler werdenden Gesellschaft. Verantwortung wird von der Gemeinschaft auf den Einzelnen übertragen. Der Trend zur Individualisierung und Differenzierung schreitet am schnellsten in größeren Städten weit fortgeschrittener Konsumgesellschaften voran. Mit dem Einzug des Wohlstands nach dem Wirtschaftswunder haben auch materielle Gewinne an Wert verloren und sind nicht länger alleiniger Antrieb für Wirtschaft und Gesellschaft. Der Mensch misst insbesondere den knappen Gütern einen hohen Stellenwert bei. Nach Befriedigung seiner Primärbedürfnisse, wie Nahrungsaufnahme oder Wohnen, sind das nach Abraham Maslow Güter, die sein Sozialbedürfnis, das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung befriedigen.

Mit dem schwindenden Einfluss der großen Institutionen und Ideologien nach der Säkularisierung der Gesellschaft durch die Aufklärung und dem Fall des Eisernen Vorhangs, nimmt auch die Bedeutung von Werten ab, die eben durch diese propagiert und somit vorgeschrieben wurden. Die Individualisierung birgt die Gefahr des Verlustgehens von Gemeinschaft, aber sie bietet erstmals die Möglichkeit für das Individuum, eigene Wertkonstruktionen zu erschaffen und etwas zu entwickeln, das ich Wertepluralismus nennen möchte. Die Vorstellung vom guten Leben ist diesseitsbezogen und baut auf einem höheren Grad an Mündigkeit auf. Der Mensch ist mündiger geworden, weil er besser informiert ist denn je und sich seinen Glauben und seine Wertesysteme wie in einem Puzzle zusammenstellen kann. Ein Werte-Patchwork sozusagen. Ich spreche von Wertepluralismus, weil der Mensch sich heute Werten aus unterschiedlichen Weltanschauungen bedient, die vor Jahren nicht miteinander zu vereinbaren waren. So kann der Gesellschaftskritiker sich durchaus als Kapitalist verstehen, obwohl er das bestehende Wirtschaftssystem kritisiert und den maßlosen Konsum anprangert. Sein Verständnis von Kapitalismus ist vielleicht eher geprägt durch den Begriff der Nachhaltigkeit. Er muss nicht ein Feindbild haben, wie es beispielsweise die kommunistische Ideologie im Kapitalisten hatte, sondern versucht das Wirtschaftssystem von innen heraus zu reparieren. Im Vordergrund stehen dann nicht mehr immer größere Produktionsmengen und wirtschaftliches Wachstum um jeden Preis, sondern der vernünftige Umgang mit Ressourcen und die Förderung einer teilenden und tauschenden Wirtschaft. Und eine Rückbesinnung auf die tatsächlichen Werte der Dinge. Das bedeutet auch, dass einer Ware nur ihr tatsächlicher Gebrauchswert beigemessen wird. Denn dies ist, wenn man die aufwändige Inszenierung von Produkten betrachtet, selten der Fall.

Warum etwa sind immer mehr traditionelle heimische Apfelsorten so rar auf den Verkaufstischen der Supermärkte geworden? Bis zur Frühen Neuzeit gab es eine Handvoll Apfelsorten und wer Äpfel essen wollte, musste sich einen pflücken oder auf dem Markt kaufen. Der Wert eines Apfels – ob gekauft oder gepflückt – war seine Schmackhaftigkeit und sein Nährwert. Fortschritte in der Züchtung, Wirtschaftswunder, Welthandel und ausgeprägter Konsumismus führten dazu, dass sich der Wert eines Apfels änderte. Pink Lady oder Granny Smith aus Chile oder Kalifornien sind auf einmal leckerer und wertvoller als der gute alte Boskoop. Je exotischer die Herkunft, desto besser. Wir können unsere Waren von überall her bekommen und mit jedem Biss in einen argentinischen Red Delicious holen wir uns Sonnenstrahlen, den Wind der Pampa und ein Stück Gaucho-Lebensgefühl ins Haus. Ein Apfel ist immer noch ein Apfel. Sein Wert aber ist ein anderer, denn neben seinem Nährwert bietet er aufgrund seiner Herkunft und unserer Vorstellung vom Herkunftsland einen Fiktionswert. Er wird überhöht, wird fast zum Fetisch. Und heute in Zeiten, in denen bewusster Konsum und nachhaltiges Wirtschaften für viele bedeutender werden, geht der Trend zurück zur alten, nicht überzüchteten Apfelsorte, zum Apfel aus kontrolliert ökologischem Anbau, zum Apfel aus der Region. Was natürlich im Großen und Ganzen durchweg vernünftig ist, kann aber ebenso einen Fiktionswert erhalten, wenn eine ganze Industrie auf dieses Bedürfnis, mit dem eigenen Konsum die Welt ein Stück besser zu machen, anspringt und plötzlich Produkte anbietet, die das Gewissen der Verbraucher ansprechen und ihnen die Möglichkeit eines modernen Ablasshandels bietet. In seinem Buch Habenwollen beschreibt der Kulturwissenschaftler und Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich diese Dimension des Konsums folgendermaßen: “Dem Habenwollen ging und geht ein Habenmüssen voraus, und erst wenn die notwendigen Bedürfnisse befriedigt sind, ist für die Erfüllung – und Entwicklung – von Wünschen Platz.”

Es stellt sich weniger die Frage, ob Gesellschaft und Wirtschaft neue Werte brauchen. Vielmehr ist mehr Bewusstsein gefragt. Werte nutzen der Gemeinschaft von Menschen erst, wenn sie verinnerlicht werden. Ein achtsamer Umgang mit Ressourcen, anderen Menschen und nicht zuletzt mit sich selbst wirkt unterstützend dabei, die eigenen Motive bewusst zu machen und dem Leben um uns herum mehr Wertschätzung entgegenzubringen.

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