Ein Hoch auf den Zweifel

Ja, es gibt sie: Die Immer-Skeptischen. Menschen, die alles hinterfragen und scheinbar nichts glauben wollen. Solche Menschen mögen vielleicht manchmal etwas anstrengender im Umgang sein, aber ist der Zweifel falsch oder fehlt es diesen Menschen an so etwas wie Urvertrauen?

Manche Menschen haben die Wahrheit gepachtet

Mal andersherum. Bald sind die Wahlen zum Europaparlament. Fährt oder läuft man die Straßen meiner Heimatstadt Köln entlang, fallen einem zwangsläufig die großen und kleineren Plakate der einzelnen Parteien und Politiker ins Auge. Obwohl sie alle ganz unterschiedliche Botschaften transportieren, wollen sie doch den Wähler insgesamt glaubhaft machen, dass sie die Wahrheit für sich beanspruchen könnten. Je polarisierender und polemischer der Inhalt desto rigoroser ist der Glaube, die Wahrheit gepachtet zu haben.

Am Ende des Tages ist doch das wahr, was wir für wahr halten, oder?

Ein gesunde Portion Zweifel ist hier unerlässlich, denn was ist das schon: die Wahrheit? Am Ende des Tages doch das, was wir als wahr erachten, oder nicht? Der französische Philosoph René Descartes formulierte in seinem Discours de la méthode, dass wir nichts für wahr halten sollten, was nicht so klar und deutlich erkannt ist, dass es nicht in Zweifel gezogen werden kann. Um zu einer Erkenntnis zu kommen, sollte man sich also lieber auf die Vernunft statt bloß auf die Wahrnehmung verlassen. Denn die Wahrnehmung lässt sich sehr einfach täuschen. Hierzu braucht man ein Glas Wasser und einen Strohhalm. Nimmt den Strohhalm in die eine und das Glas in die andere Hand und hält das Glas vor den Strohhalm, wird man bemerken, dass sich die Wahrnehmung von dem Strohhalm verändert. An der Stelle, wo das Wasser den Blick auf den Strohhalm verstellt, hat er einen Knick. Zugegebenermaßen ein sehr einfaches Experiment.

Die Wahrheit gibt es nicht!

Es ist schwer, über die tatsächliche zu sprechen, wenn es vielfach unterschiedliche Sichtweisen und Wahrnehmungen von ihr gibt. Der Radikale Konstruktivismus, eine Art Metadisziplin, die in Neurobiologie, Psychologie und Kommunikationswissenschaft begründet liegt, sagt, dass wir Menschen gar keinen Zugang zu einer ontologischen, also absoluten Wahrheit haben. Wir haben nicht die Möglichkeit, die Welt, so wahrzunehmen, wie sie objektiv ist, sondern konstruieren uns unsere Wirklichkeit.

Es ist aber auch gar nicht nötig, die absolute Wahrheit zu suchen. Der Konstruktivismus hat die Forderung nach absoluter Objektivität längst aufgegeben und stattdessen den bescheideneren Begriff der Viabilität eingeführt. Übersetzt heißt das so viel wie Gangbarkeit. Nach Ernst von Glaserfeld, der mit Heinz von Foerster als Begründer des Radikalen Konstruktivismus gilt, sind Handlungen oder Begriffe dann viabel, wenn sie zu den Zwecken oder Beschreibungen passen, für die wir sie benutzen. Und so gilt es statt eine als objektiv wahr postulierte Aussagen eine viable Wahrheit zu finden.

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One thought on “Ein Hoch auf den Zweifel

  1. Betr. Zweifel und Wahrheit.
    In kaum einem anderen Land wird die Wahrheit so angezweifelt wie in D. Hier hört man laufend Dinge wie:
    „Das mag Deine Wahrheit sein, es ist aber nicht meine Wahrheit“.
    Dieselbe Sache und in gleichem Bezug kann natürlich nicht wahr und unwahr gleichzeitig sein – Vernunft folgt dem Gesetz der Identität. Für diese Menschen bedeutet dies auch, dass es keine objektiv erkennbare Realität gibt und damit auch nicht so etwas wie „Wahrheit“. Wenn Realität nichts mit Logik zu tun haben sollte, durch welchen Prozess haben sie dies dann entdeckt? Bestimmt durch eine unlogische Folgerung! „Seien Sie sich nicht so sicher – niemand kann Gewissheit über etwas besitzen“, schwafelte auch B. Russell. Diese Aussage bezieht sich allerdings selbst mit ein: man kann also keine Gewissheit darüber haben, dass man keine Gewissheit über irgend etwas haben kann! (S. a. Wittgensteins Abhandlung „On Certainty“). Dies würde dann bedeuten, dass es für den Menschen unmöglich wäre irgendein Wissen oder eine Erkenntnis zu erlangen – die Menschen wären „bewusst-los“ – und das s i n d die shizophrenen Deutschen in hohem Maße.

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